Predigt zu Römer 13,1-7

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.

Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott;

wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. 

2 Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. 

3 Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter,

sondern wegen böser Werke.

Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes,

dann wirst du Lob von ihr erhalten. 

4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut.

Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. 

5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. 

6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener,

auf diesen Dienst beständig bedacht. 

7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid:

Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt;

Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Die Liebe, des Gesetzes Erfüllung

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 

9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder in Hohnhurst,

 

jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat …

denn sie ist von Gott eingesetzt.

Man kann sich fragen, warum dieser Text noch immer als Predigttext vorgeschlagen ist.

Wer von uns heute, die wir seit vielen Jahren in einem demokratischen Staat leben, glaubt noch, dass unsere Regierungen von Gott eingesetzt sind?

Bestenfalls haben wir sie gewählt, schlimmstenfalls, waren wir es nicht, sondern andere.

Von Gott eingesetzt?

Da steht doch offenbar ein weit überholtes Verständnis von staatlicher Obrigkeit als Gottes Dienerin dahinter.

 

Spätestens seit dem Dritten Reich, wissen wir, dass wir uns als Christen der Obrigkeit nicht unterordnen dürfen – es nicht können – weil die Gesetze der Obrigkeiten allzu oft den Geboten des Evangeliums widersprechen.

Dass in Deutschland 6 Millionen Juden ermordet wurden, dass von unserem Land im letzten Jahrhundert zwei Kriege ausgingen, die die ganze Welt erschütterten,

das hatte auch etwas damit zu tun, dass sich Christen widerspruchslos einer Obrigkeit unterworfen haben.

 

Bekennende Christen formulierten schon 1934, also vor Beginn des zweiten Weltkrieges, ihre Kritik an dem totalitären Regime der Nazis in der „Barmer Theologischen Erklärung“:

Tatsächlich hat der Staat eine besondere Aufgabe in der noch nicht erlösten Welt. Aber: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“

Letztlich können wir uns als Christen also nicht einfach in die staatlichen Systeme einfügen.

 

Karl Barth, einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts, weigerte sich nach der Machtübernahme Adolf Hitlers als Universitätsprofessor seine Vorlesungen mit dem Hitlergruß zu beginnen und aus der damals verbotenen SPD auszutreten. Widerstand gegen die Staatsgewalt als ein Akt des Glaubens.

 

Heute ist es vielleicht der Streit um den Hambacher Forst oder die sog. Hartz IV-Gesetze, die staatlich-sanktionierten Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, die Unterstützung gewalttätiger Regime oder Kriege durch unsere Regierungen, … die von uns als Christen Widerspruch erfordern.

 

Also, was kann uns der Text hier und heute noch sagen:

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.

 

Zuerst, denke ich, erinnert er uns daran, dass unser Glaube politische Wirkungen entfaltet. Glaube ist eben keine Privatsache!

 

Als vor 501 Jahren die Reformation in Deutschland begann, da gerieten nicht nur die kirchlichen Ordnungen durcheinander. Theologieprofessoren lösten sich vom katholischen Lehrkanon und begannen die Heilige Schrift unterschiedlich auszulegen. Im Gefolge Martin Luthers brachen unzählige Mönche und Nonnen ihr Gelübde, verließen ihre Klöster und einige heirateten sogar.

Aber die 95 Thesen und die neuen „evangelischen“ Gedanken erschütterten eben nicht nur die Kirche. Sie hatten auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Politik. Einige der Landgrafen machten die Reformation des Glaubens zu ihrer Sache – und verfolgten damit sicher auch politische Ziele. Andere kämpften gegen diese neuen Ansichten und setzten sich für die Erhaltung der alten Ordnungen ein. Sicher auch, weil sie damit ihre politische Macht verteidigen wollten.

 

Jedenfalls war die Reformation keine rein innerliche Glaubensbewegung, sondern auch eine politische Revolution. Die alten Machtverhältnisse, in denen die Kirche eine gewichtige Rolle innehatte, wurden von verschiedenen Seiten angegriffen und in Frage gestellt.

 

Auch wenn Martin Luther selbst die Macht der Fürsten verteidigte, die Reformatorische Bewegung wuchs sich insgesamt doch auch zu einer politischen Revolution aus.

Der evangelische Glaube an die „Freiheit eines Christenmenschen“ und unsere Erlösung aus Gottes Gnade allein, lässt einfach nicht zu, dass sich Menschen unter ein ungerechtes Regime unterordnen.

 

Glaube ist eine politische Angelegenheit.

Gerade deshalb ist es Paulus so wichtig, dass sich die Christen in Rom ihrer politischen Sprengkraft bewusst sind und damit sorgsam umgehen.

 

Der zweite Grund, den ich sehe, warum dieser Text uns heute noch angeht, ist der Zusammenhang, in dem er steht.

(Im vorangehenden Abschnitt ermahnt Paulus die Christen in Rom, in Liebe miteinander umzugehen und möglichst mit allen Menschen Frieden zu halten. Im folgenden Abschnitt erinnert Paulus die Gemeinde an das Gebot der Nächstenliebe, das schon im Alten Testament steht: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Die Liebe, sagt er, ist des Gesetzes Erfüllung.)

Vorher und nachher ist von der Liebe die Rede. In der Liebe wird das Gesetz erfüllt, schreibt Paulus.

 

Ja, auch die Liebe ist eine politische Kraft.

Vor etwa 200 Jahren lebte Johann Hinrich Wichern in der Nähe von Hamburg.

Er war Oberlehrer in einer evangelischen Schule in einem dem Armenquartiere vor den Toren der Stadt. Er besuchte seine Schüler und ihre Eltern zu Hause und lernte dort schreiende Armut, Verwahrlosung und Krankheit dieser Familien kennen.

Aus christliche Nächstenliebe gründete er eine „Anstalt zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“, das „Rauhe Haus“, das heute noch besteht.

Für ihn gehörten Glaube und die Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse zusammen. Und aus seinem Impuls heraus entstand die Diakonie als kirchliche Institution der Nächstenliebe, die sich auch auf politscher Ebene für gerechtere Verhältnisse in der Welt einsetzt.

 

Die Liebe motiviert uns in jeder Hinsicht, Partei zu ergreifen für das Leben, für den Frieden in der Welt. Und der beginnt ganz klein, in dir und in mir, als Liebe zu uns selbst und zwischen dir und mir, als Liebe zu unseren Nächsten. Und er hört da nicht auf. Die Liebe will weitere Kreise ziehen, der Friede will sich weiter ausbreiten.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,

unserem Herrn und Bruder.

© 2020 Evangelische Kirchengemeinde Goldscheuer, Markusweg 1,

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