Pilgertour 25. – 28. Mai 2017

Was passiert, wenn du zu allem „Ja“ sagst? – Eine Pilgerreise

Wir treffen uns am Himmelfahrtstag am frühen Nachmittag im Markuszentrum:

10 Frauen, die sich miteinander auf den Weg machen. 3 Tage lang folgen wir dem Jakobsweg über Strasbourg, nach Molsheim, über den Odilienberg nach Barr. Ganz unterschiedlich ist, was uns antreibt und „zufällig“ zusammen bringt: die Sehnsucht, nach Veränderung, der Wunsch, auszusteigen, gewohnte Wege zu lassen, das Verlangen, bis an die Grenzen zu gehen, dem Unvorhersehbaren zu begegnen.

Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir Goldscheuer. „Möge die Straße uns zusammenführen …“. Die Sonne begleitet uns die ganze Zeit. Die Hitze ist eine der Herausforderungen, mit denen uns der Weg begegnet.

 

Mit der Passerelle überqueren wir eine äußere Grenze – und sind in einer anderen Welt. Schritt für Schritt geht es durch die Vororte von Strasbourg, Straßen, die nicht zu den schönsten Seiten der Nachbarstadt gehören. Am Hafen und am Kanal mit den Haubooten entlang bis ins Zentrum. Unsere Unterkunft „CIARUS“ ist ein Jugendhotel der Stadtmission. Auch, wenn wir alle nicht mehr ganz jung sind, genießen wir die ansprechenden Zimmer und das gute Frühstück. Der Weg zurück ins Zentrum allerdings ist – obwohl objektiv nicht weit – für einige von uns schon ziemlich beschwerlich.

Zu den voraussagbaren Übeln einer Pilgertour gehören auch Blasen an den Füßen, die das Laufen nicht mehr gewohnt sind. Eine schmerzhafte Angelegenheit, die einem die Laune ziemlich verderben kann.

Um 7 gibt’s Frühstück und dann – nach einem Morgenimpuls – geht es weiter.

 

Es ist nicht immer leicht, einem Weg zu folgen, der vorgegeben ist. Manchmal scheint er langweilig, manchmal hätte ich gern mehr Schatten, hin und wieder frage ich mich, wie lange es noch so weiter gehen soll. Es ist wie im Leben. Ja, der Weg lädt uns ein, unser Leben mit den Füßen und dem Rücken zu erspüren. Ich komme mir selbst auf die Spur, erfahre, was ich in mir und ich mit mir trage, empfinde Wut oder Verzweiflung – beobachte, wie ich mich wehre gegen die Hitze, gegen die Müdigkeit, … eigentlich gegen das Leben, das mit eben gerade so begegnet.

- Was geschieht, wenn ich zu allem „ja“ sage? –

Wir haben Durst. Die Trinkflaschen sind am frühen Nachmittag schon aufgebraucht.

Wir hoffen, im nächsten Dorf eine Gaststätte zu finden. Aber der letzte Gasthof hat vor 2 Jahren seine Tore geschlossen. Und die einzige Bäckerei hat Mittagspause – noch 2 Stunden. Also gehen wir weiter. Der Weg durch die Weinberge entschädigt uns ein bisschen. Und schließlich erreicht auch dieser Tag sein Ziel und wir mit ihm Molsheim. Am Marktplatz finden wir ein nettes Restaurant mit Weinen aus der Umgebung und später auch bequeme Betten. Pasteur Heinrich öffnet uns die Türen der protestantischen Kirche und bereichert unseren Frauenchor mit seiner schönen Männerstimme.

 

Der dritte Tag ist der schwierigste, sagt man. Und wir haben uns eine schöne Strecke vorgenommen. Von Molsheim aus soll es über Otrott den Odilienberg hinauf und dann auf der anderen Seite wieder herunter bis Barr gehen.

Wir genießen die Landschaft, die Sonne und das Gehen miteinander. Viel Zeit für Gespräche.

Und auch viel Zeit, still zu sein, nach innen zu gehen, Fragen zu stellen nach dem eigenen Weg, der verborgenen Sehnsucht nach dem „Mehr“.

Was passiert, wenn ich zu allem „Ja“ sage?

Diese Frage begleitet uns immer wieder. Wie verändert sich mein Blick auf das Leben, wenn ich das, was mir gerade begegnet, willkommen heiße? Wenn ich aufhöre mich gegen Schmerzen, Anstrengungen und Notwendigkeiten zu wehren? Wenn ich den Weg, den ich bisher gegangen bin, die Entscheidungen, die ich getroffen habe, gutheiße?

 

Der Legende nach wurde die Heilige Odilie blind geboren. Ihr Vater wollte sie deswegen töten lassen. Ihre Mutter rettete sie, indem sie sie in ein Kloster gab. Bei ihrer Taufe, heißt es, im Alter von 12 Jahren, erlangte sie das Augenlicht. Der Vater scheint sein Vorhaben später bereit zu haben. Jedenfalls überließ er seiner Tochter später den Odilienberg. Und sie gründete dort um 690 n. Chr. ein Frauenkloster.

Dass der Berg schon lange vorher ein Heiligtum war, ist auf dem Anstieg deutlich spürbar.

Als wir endlich oben sind, erleichtert, gestärkt, bewegt, erwartet uns eine Überraschung. (Allerdings gehören Überraschungen zum Pilgerdasein, das haben wir schon erfahren.) Wir finden einen Kleinbus mit einer Reisegesellschaft aus Bayern. Sie haben gerade noch für jede von uns einen Platz frei, wir steigen ein und ersparen uns einen Fußweg von weiteren 2 Stunden. Wir sind heil-froh, als wir unsere letzte Etappe geschafft haben und blicken dankbar zurück auf den Weg, den wir miteinander gegangen sind – jede für sich, keine allein.

© 2020 Evangelische Kirchengemeinde Goldscheuer, Markusweg 1,

77694 Kehl OT Goldscheuer

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