„Was ist Freiheit?“

Tun und lassen können was ich will

Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit

Die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Alternativen wählen zu können

Freiheit ist Selbstbestimmung, die Freiheit zu denken

„Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden“, sagt Rosa Luxemburg

„Wir sind zur Freiheit verdammt“, sagt Jean – Paul Sartre. Denn Freiheit heißt Verantwortung

„Ihr seid zur Freiheit berufen“, sagt Paulus.

Und: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“

„“

Markus 6,6b-13

Und er zog rings umher in die Dörfer und lehrte.

7 Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister

8 und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel,

9 wohl aber Schuhe an den Füßen. Und zieht nicht zwei Hemden an!

10 Und er sprach zu ihnen: Wo ihr in ein Haus geht, da bleibt, bis ihr von dort weiterzieht.

11 Und wo man euch nicht aufnimmt und euch nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis.

12 Und sie zogen aus und predigten, man sollte Buße tun,

13 und trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.

„“

Ihr seid frei!

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten 2017, jetzt habt Ihr’s geschafft: Ihr seid frei!

Frei, von dem Zwang, 5 Tage in der Woche um 7:35 Uhr – spätestens – die Stufen zum Einsteingymnasium zu erklimmen,

frei von der Notwendigkeit, Präsentationen vorzubereiten, Hausaufgaben zu machen und Vokabeln zu lernen.

Endlich frei von allem, was mit Schule zu tun hat.

 

Und auch Sie, liebe Eltern, sind ja nun frei,

befreit von dem Stress, den ein Abitur sicherlich auch für Väter und Mütter bedeuten kann;

befreit von der Notwendigkeit, den Sohn oder die Tochter zum Lernen zu motivieren, sie nach Enttäuschungen aufzubauen,

befreit vielleicht auch schon bald von der Anwesenheit Ihres Kindes im Haus. Ja, ein Abschied ist auch ein Schritt in die Freiheit – und er kann mit Schmerzen verbunden sein.

 

Und auch die Lehrer sind frei,

befreit vom Bangen und Hoffen, das auch für uns mit den Abiturprüfungen verbunden ist,

befreit auch von einigen Wochenarbeitsstunden,

für eine kurze Zeit.

Und auch wir sehen dieser Freiheit mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen.

 

Insgesamt fühlt sich diese Freiheit – von der Schule - für alle ganz gut an.

Nietzsche nennt das allerdings negative Freiheit.

Die Freiheit von etwas. Die Freiheit von Zwang.

 

Damals, als Jesus seinen Jünger aussandte, gab er ihnen auch einige solcher negativer Freiheiten mit:

Frei von unnötigem Ballast sollten sie gehen, ohne Tasche, ohne Geld.

Krass! – Das trauen sich nur wenige.

Aber vielleicht lassen wir das  mal Stück für Stück an uns heran:

Je weniger wir haben – und mit uns herumschleppen – desto freier sind wir. (Das merkt ihr wahrscheinlich demnächst, wenn der erste Umzug, der Auszug von Zuhause, der Einzug in die eigene Wohnung oder das eigene WG-Zimmer ansteht.)

 

Und dann kommt die Herausforderung der Freiheit – die positive Freiheit, die Freiheit zu tun und zu lassen, was du willst.

(Die Frage, wie frei wir sind, etwas zu Wollen, lassen wir hier mal beiseite.)

 

Vielleicht ist es ein bisschen so, wie damals, als Jesus seine Jünger aussandte.

Endlich haben sie mal freie Hand.

Endlich dürfen Sie mal – ohne die Aufsicht des Meisters – handeln, so, wie sie es für richtig halten, machen, was sie wollen.

Lange genug haben sie ihm zugesehen.

 

Lange genug, 12 lange Jahre – mindestens -, wart ihr nun Schülerinnen und Schüler. Nun dürft ihr ausprobieren, was ihr gelernt habt,

und vieles andere auch.

Das Leben liegt vor euch, so sagen wir Alten es gern.

Und vielleicht scheint es dem einen oder anderen unter euch auch so:

Das Leben liegt ausgebreitet vor mir.

Ich muss nur zugreifen.

Ja, das ist auch Freiheit:

Sich zu entscheiden, an einer bestimmten Stelle zuzugreifen,

unter den Millionen Möglichkeiten in aller Freiheit eine auszuwählen.

 

„I will follow him“,

singt Woopy Goldberg in dem Film „Sister Act“.

Es gibt Menschen, nicht nur Nonnen,

die entscheiden sich in aller Freiheit, einem anderen zu folgen.

Einem Vorbild, einem Freund, einem großen Bruder oder einer großen Schwester, den Eltern, einem Lehrer, der Partnerin oder auch Jesus.

Das ist nicht die schlechteste Variante, seine Freiheit zu nutzen.

 

Und vielleicht stößt diese Freiheit da an ihre Grenze,

wo du merkst: Nein, so bin ich nicht, nein, so will ich das nicht,

nein, diesen Weg kann ich nicht mitgehen, an dieser Stelle würde ich mich selbst, meine Überzeugung verraten.

Da beginnt eine neue Freiheit.

Die Freiheit den eigenen Weg zu gehen – allein.

 

Andere nutzen die Freiheit, um in die Ferne zu schweifen, endlich die Welt, fremde Länder kennen zu lernen, andere Menschen zu treffen, fremden Kulturen zu begegnen.

Und dort wird euch eine besondere Art der Freiheit begegnen:

Dort, wo wir fremd sind, haben wir die Freiheit,

uns selbst neu zu erfinden.

 

Und vielleicht merkt die eine oder andere:

Die Grenzen meiner Freiheit liegen in mir: Ich trau mich nicht, dies oder das auszuprobieren. Oder: Ich habe bestimmte Vorstellungen, die ich nicht aufgeben will. Oder: Ich bin auf eine bestimmte Weise geprägt und erzogen, das kann ich schwer überwinden, das fühlt sich nicht gut an.

 

Ja, Freisein fühlt sich nicht immer gut an.

Freiheit ist auch die Herausforderung, immer wieder über sich selbst hinaus zu gehen.

 

Vielleicht – das bleibt eine Frage, auch für mich – liegt in der Freiheit auch ein Auftrag.

Bei den Jüngern ist der Auftrag klar:

Wo sie hinkommen, sollen sie böse Geister vertreiben.

Manchmal hört ihr vielleicht auch so etwas wie einen Auftrag.

„Mensch, Junge  / Mädchen, mach was aus deinem Leben!“

So was kann ganz schön Druck machen.

Ich wünsche euch die Freiheit, euch von solchen Aufträgen zu lösen.

Und es kann sein, dass du für etwas brennst, etwas erreichen willst, dir ganz konkret etwas vorgenommen hast.

Dann wünsche ich dir, dass du dein Ziel erreichst –

ohne dir selbst Gewalt anzutun, dich über deine Grenzen zu belasten …

Die Freiheit auch, einen eingeschlagenen Weg als nicht (mehr) passend zu erkennen, umzukehren und nochmal neu anzufangen.

 

„Zur Freiheit seid ihr berufen“, sagt Paulus.

Und ich glaube, er meint euch.

Freiheit bedeutet auch, Fehler machen zu dürfen und zu scheitern.

Wenn es irgendwo nicht weiter geht, dann dürfen wir, wie Jesus es seinen Jüngern sagt, den Staub von unseren Füßen schütteln und eine neue Richtung einschlagen.

Denn wir sind, so sagt es Paulus, befreit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Und auch, wenn ihr jetzt, da ihr 18 seid, froh seid endlich erwachsen zu sein: vielleicht empfindet ihr es auch entlastend und immer wieder auch schön, dass wir in gewissen Weise auch sein dürfen wir Kinder, frei und nicht perfekt – einfach geliebt. Kinder Gottes.

 

Diese Liebe, die uns befreit, gehe mit euch und bleibe bei euch

an jedem Ort, zu jeder Zeit. Amen.

© 2020 Evangelische Kirchengemeinde Goldscheuer, Markusweg 1,

77694 Kehl OT Goldscheuer

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